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Ein Kommentar von Prof. Dr. Klaus-Dieter Müller
  • Von der Seele reden

Individualismus, Egoismus und Einsamkeit

Von der Seele reden

05.11.2026

Von der Seele reden – der Kommentar von Prof. Dr. Klaus-Dieter Müller, Politik- und Medienwissenschaftler und Vorstand der „Stiftung: Christliche Werte leben“.

Jeden Donnerstag um 20:45 Uhr im Radio und bereits vorab hier den ausführlichen Kommentar online hören. Mehr Infos zur Stiftung auf www.christlichewerteleben.de


Individualismus, Egoismus und Einsamkeit

Für uns ist der Individualismus immer wichtiger geworden. Freiheit ist für viele von uns, dass der einzelne Mensch (das Individuum) mit seinen eigenen Bedürfnissen, Rechten und Meinungen im Mittelpunkt steht. Jede Form der Verbundenheit mit anderen oder gar so etwas wie gesellschaftliche Verpflichtung wird als Einschränkung wahrgenommen. Eine Wertorientierung wie etwa „Sich in eine Ordnung einfügen, sich anpassen“, wurde 1967 noch von 61 Prozent der Bundesdeutschen für „besonders wichtig“ gehalten. Heute kann sich nur noch eine Minderheit von 39 Prozent damit anfreunden.

Wo aber ist die Grenze des Individualismus zum Egoismus? Der Individualismus ist eine Befreiungs- und Entfaltungsidee – der Einzelne darf und soll sich frei entfalten, eigene Lebensentwürfe wählen und sich von übermäßigen kollektiven Zwängen lösen. Das aber bedeutet keineswegs Gemeinschaft, Empathie und Zusammenhalt mit anderen nicht zu pflegen.

Individualismus wird dort zum Egoismus, wo andere Menschen nur noch als Mittel zum Zweck, als reine Konkurrenten oder als Störfaktoren für die eigenen Interessen wahrgenommen werden. Diese Gefahr besteht vor allem in Wettbewerbskulturen, wie der unseren. Homeoffice, digitale Oberflächlichkeit und der Fokus auf Leistung und Autonomie verdrängen oft echte, zeitintensive Freundschaften.

Aber der Mensch ist ein Herdentier. Es gibt ein menschliches Bedürfnis, Gemeinschaft zu erleben. Es ist sogar schädlich für das Seelenheil des Einzelnen, wenn er sich zu lange absondert. Und wir haben es nicht nur mit Egoisten in unserer Gesellschaft zu tun, es gibt auch eine Menge Altruisten, also Menschen, die ihr eigenes Wohl dem anderer unterordnen. Die gute Tat fördert die eigene Gesundheit. Und wer anderen oft hilft, kann sich einen guten Ruf erarbeiten. In der Gesellschaft wird er dann geschätzt, was für viele auch sehr wichtig ist. Der vorrangige Blick auf den eigenen Vorteil bringt die Grundpfeiler jeder Gemeinschaft zum Einsturz, ihr Tragwerk aus Rücksicht und Solidarität. Gefühlte Isolation ist nicht nur ein belastender emotionaler Zustand, sondern kann das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Depressionen messbar erhöhen.

Lassen Sie uns Bedürfnisse nicht nur auf uns selbst beziehen, sondern denken wir auch an die Gemeinschaft, in der wir anerkannt sein und uns wohlfühlen wollen.